Kellerei Chanton, Kantonsstrasse 70, 3930 Visp
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Sollen keine Modeweine werden

Der Walliser Josef-Marie Chanton ist der Schweizer Raritäten-Produzent schlechthin. Seit bald 30 Jahren pflanzt er alte, teils fast vergessene Reben an und macht aus ihnen sortentypische und hervorragende Weine wie Lafnetscha, Heida, Gwäss oder Himbertscha.

Salz&Pfeffer: Woher haben Sie Ihre Liebe zum Wein geerbt?
Josef-Marie Chanton: In jungen Jahren wollte ich von Wein nicht viel wissen. Ich trieb viel Sport und hielt mich viel in den Bergen auf. Nach der Handelsschule arbeitete ich zuerst im kaufmännischen Bereich, bevor ich mich entschloss, zusammen mit meinem Vater, Wein zu produzieren. Mir war es allerdings von Anfang an wichtig, eigene Reben zu besitzen und nicht nur die Trauben der umliegenden Winzer zu verarbeiten. Aus diesem Grund besuchte ich die Ingenieurschule in Wädenswil, die ich 1970 abschloss.

Und wann pflanzten Sie ihren ersten Rebstock?
Das war 1964/65. Oberhalb von Visp bepflanzte ich einen über 10 000 Quadratmeter grossen Heida-Rebberg. Mittlerweile erhalten wir im 10jährigen Durchschnitt eine Jahresernte von 0.67 Kilogramm auf den Quadratmeter. Eine Mengenbeschränkung ist jedoch die Voraussetzung für eine gute Qualität. Heida-Trauben sollten um die 90 Grad Öchsle erreichen, damit die Qualität des Weines gesichert ist.

Sie hatten also schon am Anfang Ihrer Winzerkarriere eine Vorliebe für Spezialitäten?
Mir war es schon damals ein grosses Anliegen, dass man die ursprünglichen Walliser Produkte pflegen sollte. Das Wallis bietet eine enorme Vielfalt an regionalen Spezialitäten, die auf keinen Fall verlorengehen dürfen. Ich bin ein Gegner der momentanen Barrique-Euphorie, die im Wallis herrscht. Ich bin auch dagegen, dass immer mehr Merlot, Syrah und Cabernet Sauvignon angepflanzt wird.

Obschon das Wallis sehr gute Weine aus diesen Trauben auf den Markt bringt?
Es gibt sicher viele Winzer, die mit diesen Trauben gute Weine produzieren. Aber Sie finden auf der ganzen Welt gute Weine, die aus diesen Sorten hergestellt werden. Was Sie hingegen nicht finden, ist ein Himbertscha oder beispielsweise ein Gwäss. Es geht mir gegen den Strich, dass man bei uns neue Sorten pflanzt und Reben, die seit mehreren hundert Jahren bei uns wachsen, nicht mehr beachtet.

In Ihrem Rebberg bauen Sie Heida, Lafnetscha, Himbertscha, Gwäss und seit neustem auch Roten Eyholzer an. Wollen Sie in Zukunft noch mehr Spezialitäten anpflanzen?
Ich habe immer eine bis zwei Sorten, mit denen ich am Experimentieren bin, und so werden wahrscheinlich mit der Zeit noch mehr Walliser Raritäten in die Flasche kommen. Irgendwelche Massenweine gibt es genug in Europa. Die Zukunft gehört den Spezialitäten.

Ihre Urwalliser Spezialitäten sind nicht so bekannt wie beispielsweise ein Hermitage oder ein Arvine. Wer sind die Käufer Ihrer Weine?
90% meiner Kunden sind Privatkunden, die direkt bei mir ihre Weine reservieren. Die restlichen 10% macht die gehobenere Gastronomie aus.

Warum pflanzen nicht mehr Oberwalliser Winzer Spezialitäten an, oder anders gefragt: warum sind der Lafnetscha, Gwäss oder Heida zur Spezialität geworden?
Ich kann nicht für die anderen sprechen. Für mich ist es ein persönliches Anliegen, dass diese Sorten bekannt sind. Daher mache ich die Winzer und Konsumenten bei jeder Gelegenheit auf diese Sorten aufmerksam. Ich versuche ihnen zu erklären, dass man mit einem Fendant oder Johannisberg im Oberwallis einfach keinen wirklich typischen Wein herstellen kann. Bestimmt gibt es auch hier den Unterschied zu guten und weniger guten Weinen. Aber einen wirklich individuellen Charakter können Sie mit diesen Trauben nicht herstellen. In einer Degustation haben diese Weine im Vergleich mit den Walliser Raritäten keine Chance.

Warum sind dann der Fendant und der Johannisberg in jedem Verkaufsregal anzufinden?
Es hängt sicher damit zusammen, dass die Raritätenweine nicht besonders ertragreich sind. Vor allem wenn sie gegenüber einem Fendant stehen. Zudem ist die Chasselas-Traube viel pflegeleichter. Dazu kommt, dass zahlreiche Winzer in den letzten Jahren mehr auf Quantität als auf Qualität gesetzt haben. Mit der gesetzlich vorgeschriebenen Mengenbeschränkung wurden hier zwar in den letzten Jahren grosse Fortschritte erzielt. Ein weiterer Punkt wäre, dass sich immer weniger Nachkommen der Winzer, die früher die mittlerweile seltenen Trauben kultivierten, um die Rebstöcke kümmerten. Viele Winzer mussten die Reben verkaufen, und dann wurden nur noch ertragreichere Sorten angepflanzt.

Sie glauben an die Zukunft der Walliser Weinraritäten?
Ganz sicher. Wir produzieren hier Weine, die einmalig auf der ganzen Welt sind. Wichtig wäre zum Beispiel, dass die Sommeliers oder Patrons eines Restaurants auf die Spezialitäten aufmerksam gemacht würden, damit diese ihren Gästen weiterempfehlen könnten. Dem Tourismus täte es bestimmt auch gut, wenn das Wallis vermehrt mit seinen eigenen speziellen Produkten werben würde.

Sind sie der Meinung, dass die Walliser Raritäten exportiert werden sollten?
Nein, ganz und gar nicht. Sie gehören schon primär in diesen Kanton, zu diesem Klima und zu unseren Speisen. Ich glaube nicht, dass man die Spezialitäten, vielleicht abgesehen vom Heida, exportieren kann. Die Produktionsmenge ist auch viel zu klein. Vom Gwäss produziere ich jährlich 600 bis 800 Flaschen. Ich werde aber in Zukunft versuchen, von den Spezialitäten 1000 bis 2000 Flaschen zu produzieren. Mir ist es wichtig, dass das Wallis dafür bekannt wird oder ist, dass man hier diese Spezialitäten bekommt. Die Raritäten sollen keine Modeweine werden, die überall angepflanzt und gekauft werden können.

Salz & Pfeffer


Aufgeschaltet am 1. August 1995
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