Kellerei Chanton, Kantonsstrasse 70, 3930 Visp
Telefon 027 946 21 53, Fax 027 946 21 47, weine@chanton.ch

Nostalgische Spezialitäten

Einer, der sich mit fast wissenschaftlicher Akribie um die Vergangenheit der Walliser Spezialitäten kümmert, ist Josef-Marie Chanton aus Visp. Man könnte ihn gewissermassen als Weinbau-Archäologen bezeichnen, grub er doch im wahrsten Sinne des Wortes die praktisch verschollenen Oberwalliser Rebsorten wieder aus. Diese wurden möglicherweise von den Ligurern auf ihrem Rückzug vor den Etruskern, Kelten und Römern um 700 v. Chr. in die entlegensten Gebirgswinkel der Alpen gebracht, wo sie im Vispertal, aber auch in der Gegend von Brigerbad, Eyholz und Lalden teilweise bis heute erhalten geblieben sind. Chantons Verdienst ist es, die oft nur noch reliktisch vorhandenen und infolge mehrfacher Mutation nicht selten auch schwer zu identifizierenden Restbestände der urtümlichen Sorten lokalisiert, in seinen Rebbergen im Vispertal und in Varen weiterkultiviert und über seine Kellerei Brantignon schliesslich dem Weinfreund wieder zugänglich gemacht zu haben. Trotz ihres markigen, kernigen, etwas ungehobelten Charakters handelt es sich bei diesen Weinen aber keineswegs um blosse Museumsstücke, die nur noch von historischem Interesse sind. Chanton ist denn auch alles andere als ein versponnener Nostalgiker, der an den Bedürfnissen des heutigen Marktes vorbeiproduziert. Wenn man in seinem im alten von Visp gelegenen, hypermodern eingerichteten Carnotzet die urtümlichen Spezialitäten verkostet, die so seltsam klingende Namen wie Gwäss, Himbertscha, Lafnetscha oder Heida besitzen, wird einem vielmehr bewusst, wie nahe alt und neu oft beieinander liegen. So wie etwa die Malereien der Höhlenbewohner auch nicht antiquiert, sondern im Gegenteil oft geradezu avangardistisch erscheinen. Nach manchen Jahren einer in Weinkreisen weitverbreiteten stilistischen Unsicherheit, die sich in harmlosen, konsumentefreundlichen Durchschnittstropfen niederschlug, wird man hier endlich wieder einmal mit Gewächsen ganz anderen Profils konfrontiert, die mit ihrem eigenwilligen Charakter der Weinszene neue Impulse vermitteln könnten.

Der Gwäss, der unter der Bezeichnung Gouais blanc als erste namentlich genannte Sorte schon 1283 in Frankreich erwähnt wurde, ist ein sehr archaisches Gewächs. Als leichter säurereicher Wein war er im Wallis bei der Arbeit im Rebberg und beim Heuet sehr geschätzt. Auch wurde er am Rande der Parzellen gesetzt, um die Leute vom Traubendiebstahl abzuhalten. Raffinierter ist der Himbertscha, dessen Name allerdings nichts mit Himbeeren zu tun hat, sondern vermutlich mit dem Begriff "im bercla" (Pergola) zusammenhängt. Auch er besitzt eine prononcierte Säure, die aber etwas besser eingebunden wirkt. Entfernt erinnert er fast ein bisschen an den am Zürichsee angebauten Räuschling, der sich als Spezialität in letzter Zeit wieder zunehmender Beliebtheit erfreut. Nochmals eine Steigerung stellt der Lafnetscha dar, dem man aufgrund eines auffälligen Blattsporns in der Stilbucht eine Verwandtschaft zum bündnerischen Completer nachsagt. Sein Name soll sich von "Laff-nit-scha" (Trink noch nicht) ableiten, was ein Hinweis auf das Reifebedürfnis dieses dank seiner eleganten Säurespitze überaus finessereichen Weins sein könnte.

Den grössten Erfolg erzielte Chanton aber mit seinem Heida aus dem auf tausend Meter über Meer gelegenen Bergdorf Visperterminen, dessen Rebberge zu den höchsten Europas zählen. Dieser stolze Wein mit dem kräftigen, dichten Körper und der festen, prägnanten Säure, dem man eine Lebenserwartung von mindestens zwanzig Jahre nachsagt, soll von versierten Degustatoren aus Frankreich gar schon mit dem Montrachet, dem berühmten weissen Burgunder verglichen worden sein. Allerdings ist der Heida überhaupt nicht mit dem Chardonnay verwandt, sondern vielmehr mit dem in der Franche-Comté angebauten Savagnin blanc. Der Name der Sorte, die übrigens auch auf französisch Païen (Heide) heisst, könnte vielleicht ein Hinweis auf deren vorchristliche Ursprünge sein. Falsch ist jedoch die von Chantons Etikette suggerierte Verbindung mit dem ursprünglich aus der Resi- bzw. Rèze-Traube gekelterten und in Lärchenholzfässern oxydativ ausgebauten Gletscherwein aus dem Val d'Anniviers, der heute leider nur noch als eine folkloristische Kuriosität gepflegt wird.

Le Guillon


Aufgeschaltet am 1. Juni 1993
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